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DIE GESCHICHTE VON TECHNO
© Bilgerverlag
Auszug aus dem Buch "Techno" von
Philipp Anz und Patrick Walder, mit freundlicher Genehmigung durch den
Bilgerverlag.
Das Buch "Techno" ist 1995 erschienen, kurz bevor die
Kommerzialisierung des Techno abgeschlossen war.
Bestellbar ist das Buch direkt beim
Bilgerverlag.
Techno war nicht
plötzlich da, weder einem genmanipulierten Samen entwachsen noch aus
der hintersten Ecke des Alls herangesaust und auf die Erde geknallt.
Nein, die Geschichte von Techno lässt sich weit zurückverfolgen. Aber
bis zu der Zeit zurückzugehen, als die Menschen aufrecht gehen und
somit das Tanzen lernten, würde den Rahmen dieses Buches sprengen.
Deshalb soll die Stunde Null am Anfang des 20. Jahrhunderts gesetzt
werden. Europa war durchindustrialisiert, die Eisenbahnen rollten, die
Welt rückte zusammen. Maschinen und Stempeluhren gaben den Rhythmus vor
und unterwarfen sich die Menschen. - Komponisten begannen, Musik den
schöngeistigen Zirkeln zu entreissen, und aberkannten ihr den reinen
Unterhaltungswert. Sie gaben ihr den Ernst zurück.
"Wir finden viel mehr Befriedigung in der Geräuschkombination von
Strassenbahnen, Auspufflärm und lauten Menschenmassen als,
beispielsweise, im Einüben der 'Eroica' oder 'Pastorale'", schrieb
Luigi Russolo in seinem 1913 veröffentlichten Manifest "Die Kunst
der Geräusche". Moderne Komponisten wandten sich der
industrialisierten Welt, deren Lärm und Gesetzen zu. In der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts wirkten Arnold Schönberg, der bahnbrechende
Vertreter atonaler Musik, und der Nonkonformist Erik Satie, der mit
"Sports et Divertissements" die vielleicht erste multimediale
Komposition schuf, in welcher Bilder, Texte und Musik gleichwertige
Bestandteile bilden. Einer der wichtigsten Pioniere elektronischer Musik
war Karlheinz Stockhausen, Vater der Kölner Schule, der ab den
fünfziger Jahren sein Credo "Alle Klänge und Geräusche sind
Musik" in komplexe Montagen aus naturalistischen und synthetischen
Klängen umsetzte. Eine eigentliche Zufallsmusik komponierte John Cage,
der in radikaler Abkehr von allen Traditionen der klassischen Musik die
Gleichberechtigung von absichtlich erzeugten Tönen und zufällig
anfallenden Geräuschen forderte. Von Vertretern der Musique concrète
wie Pierre Schaeffer wurden Werke mit Schreibmaschinengeklapper, Sirenen
und anderen Alltagsgeräuschen komponiert, indem diese gleichsam nach
dem Sampling-Prinzip mit Tonbandschleifen verarbeitet wurden.
Die klanglichen Grundelemente der synthetisch im Studio hergestellten
elektronischen Musik sind Sinuston (reiner, streng periodischer
Schwingungsvorgang), weisses Rauschen (statistisch gleich verteilter,
streng aperiodischer Schwingungsvorgang), Knack und Impuls. Durch
Filterung, Überlagerung, Verdichtung und Verkürzung können diese
Grundelemente ineinander übergeführt, durch Verzerrung, Verhallung,
Rückkopplung, Frequenzumsetzung, Spektralmodulation usw. elektronisch
weiterverarbeitet werden (Karlheinz Stockhausen, "Kontakte",
1960).
Zu Beginn der sechziger Jahre entstanden die ersten ausschliesslich
elektronisch hergestellten Filmmusiken (z.B. Hitchcocks "Die
Vögel"). Der transsexuelle Walter (später Wendy) Carlos bespielte
1966 auf dem analogen Moog-Synthesizer, der 1965 erfunden und ab 1967 in
Serie gebaut wurde, ein Album mit Bach-Stücken. "Switched-on
Bach" wurde zum Bestseller. Carlos, der später den "A
Clockwork Orange"-Soundtrack herstellte, hatte bereits als Teenager
in den fünfziger Jahren erste Montagen aus den Hertz-Tönen einer
HiFi-Testplatte, selbstaufgenommenem Klaviersaiten-Gezupfe und Geschrei
zusammengemischt. In New York entwickelte Steven Reich eine
minimalistische Kompositionstechnik, die auf der ausgedehnten
Wiederholung kurzer, leicht variierender Passagen beruhte. In "It's
Gonna Rain" (1965) nahm er zukünftige Loop- und Scratch-Techniken
vorweg, indem er die Rede eines Sektenpredigers in Bruchstücke
zerlegte, die, zu Endlosschlaufen geklebt, auf einer Bandmaschine
rhythmisch hin und her gefahren wurden. Ähnlich arbeitete Philip Glass,
der simple Akkordfolgen ausdauernd über pulsierenden Rhythmen laufen
liess, die nahezu unmerklich Tempo- und Strukturveränderung unterworfen
wurden und so eine hypnotische Wirkung entfalteten. Terry Riley war ein
weiterer Vertreter dieser minimalistischen Kompositionstechnik. Auf
"In C" (1970) liess er ein Ensemble mit diversen
Instrumentalisten 53 musikalische Fragmente über einen konstanten
Pianopuls frei variieren.
Die Aufbruchstimmung der späten sechziger Jahre, mit ihren
vielfältigen kulturellen und politischen Bewegungen und der Verbreitung
von psychedelischen Drogen wie LSD, brachte der modernen Elektronik den
Durchbruch. Künstler diverser Musikrichtungen arbeiteten an unbekannten
Sounds und beeinflussten sich gegenseitig: Die Beach Boys wandten sich
ab "Pet Sounds" (1966) surrealistischen Trickklängen zu; Pink
Floyd machten sich die neuen Techniken im Studio und auf der Bühne
zunutze; Joe Zawinul benutzte Synthesizer im Jazz.
Die deutsche Avantgarde
"It's more fun to compute"
(Kraftwerk, "Computerwelt", 1981)
Die Studentenbewegung von 1968
erschütterte Deutschland in seinen konservativen und kleinbürgerlichen
Grundfesten und wirkte sich nachhaltig auf Literatur, Film, Kunst und
Musik aus. Eine Reihe von deutschen Musikern versuchte neue, von der
Norm abweichende Ideen zu verwirklichen. Als erste Gruppe dieser
experimentiellen Welle fanden die 1968 in Köln gegründeten Can, deren
Mitglieder Irmin Schmidt und Holger Czukay Schüler von Stockhausen
waren, internationale Beachtung. Can waren eine Rockband, doch ihre
Musik mit exzessiven Improvisationen über einem repetitiven Beat
bewirkte einen tranceähnlichen Effekt. Vor allem Jaki Liebezeit, der
als einer der besten Drummer der Rockmusik gilt, beeinflusste nachhaltig
das Rhythmuskonzept späterer Bands.
1967 formierte sich Tangerine Dream in Berlin als traditionelle
Rockband, entwickelten sich aber bald zu einer Elektronik-Gruppe.
In für die damalige Zeit extrem langen Stücken wurden verschachtelte
Tongebäude aus Synthesizer-Schwebeklängen über den Rhythmusteppich
des Schlagzeugers Klaus Schulze gelegt. Tangerine Dream wollten
"Musik schaffen, die sich von den Affekten des Hasses, der
Aggression und der Verzweiflung löst und dem Zuhörer Freude und
Hoffnung gibt; Musik, die den Menschen zurückholt in den Zustand der
Unschuld und den Zusammenhang der kosmischen Harmonie".
Neu!, Amon Düül, Cluster und Faust hiessen weitere Vertreter dieser
neuen deutschen Musik, die damals als "Kraut-Rock" bezeichnet
wurde. Als die Einflussreichsten gelten jedoch
Kraftwerk. "The
Godfathers Of Techno" werden von den meisten Techno- und
House-Produzenten als wichtigste Inspirationsquelle bezeichnet - sie
stellen so das Bindeglied zwischen der alten Avantgarde und den heutigen
Künstlern dar.
1968 trafen sich Ralf Hütter und Florian Schneider an der Kunstakademie
in Düsseldorf und gründeten die Band Organisation, die sich nach dem
ersten Album "Tone Float" in Kraftwerk umbenannte. 1970
richteten sie ihr eigenes, später Kling Klang getauftes Studio ein, wo
das Album "Kraftwerk" eingespielt wurde. "Wir erfinden
Geschichten und illustrieren sie mit Musik", definierte die Gruppe
ihr Soundkonzept. "Unsere Musik ist folgendermassen strukturiert:
rauf/runter; vor/zurück; schnell/langsam; laut/leise; linear/vertikal;
weich/hart; verdichtet/geöffnet; schön/hässlich; dumpf/hell."
Den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte Kraftwerks markiert das
vierte Album "Autobahn" (1975). Die vorherigen Alben waren
noch alle mit zahlreichen herkömmlichen Instrumenten wie Flöte,
Violine und Schlagzeug eingespielt worden. Für "Autobahn"
leisteten sich Kraftwerk einen Mini-Moog-Synthesizer, der damals noch
soviel wie ein Kleinwagen kostete. Im Gegensatz zu Wendy Carlos oder
anderen Bands wie Tangerine Dream, die den Synthesizer schon viel
früher benutzten, sahen Kraftwerk in ihm nicht nur einen
Orchester-Ersatz, mit dem man klassische Harmonien nachspielen konnte,
sondern erkannten sein Pop-Potenzial und machten sich den technologischen
Fortschritt zunutze, indem sie die Drum Machine via Sequenzer mit dem
Synthesizer verbanden. "Autobahn" kennzeichnet die Abkehr der
Gruppe von der experimentellen Avantgardemusik der ersten Alben hin zu
elektronischem Pop, dem "Robot Pop", der seiner Zeit um Jahre
voraus war. Die Single "Autobahn" enterte die US-Topten, war
jedoch nicht der erste Synthesizer-Hit. Diese Ehre gebührt George
Kingsley und seinem "Popcorn" (Hot Butter, 1972), das Aphex
Twin zwanzig Jahre später auf der "Joyrex 4/Caustic Window"
verwendete.
"Autobahn" markiert aber nicht bloss musikalisch eine Wende.
Mit Wolfgang Flur und wenig später Karl Bartos erhielt die Gruppe zwei
zusätzliche Mitglieder, die jedoch immer etwas hinter den Masterminds
Hütter und Schneider zurückstanden. Zudem begannen sich Kraftwerk vom
Freak-Outfit der früheren Jahre zu lösen und legten sich nach und nach
einen Einheitslook zu, der ihren Ansatz, sich nicht als Musiker, sondern
als Arbeiter mit Maschinen, ja als Wissenschaftler zu verstehen, und
ihre Idee von der "industriellen Volksmusik" verdeutlichen
sollte. Dieses Image der "Mensch-Maschine", ihr Verhältnis
zur Technologie, perfektionierten sie später noch, indem sie Puppen an
Pressekonferenzen schickten und auf die Bühne stellten, sie trieben es
auf die Spitze und ironisierten es gleichzeitig, genauso wie die
Mechanismen des Pop-Business. "Wir machen aus allem Kompositionen.
Alles ist erlaubt, es existiert kein Arbeitsprinzip, kein System. Unsere
Ideen kommen aus der Erfahrung aus dem Alltag. Wir spielen die
Maschinen, die Maschinen spielen uns. Es sind der Austausch und die
Freundschaft mit den Maschinen, die uns eine neue Musik kreieren
lassen", erklärte Hütter. "Trans Europa Express" (1977)
und "Die Mensch-Maschine" (1978) bestachen durch ihre
Innovation und Präzision und waren Wegbereiter für den Durchbruch des
Synth-Pop. Kraftwerk begannen sich jedoch mehr und mehr aus der
Öffentlichkeit zurückzuziehen. Zwischen "Computerwelt"
(1981) und "Electric Café" lagen fünf Jahre, in denen sie
ihr Studio komplett auf Digitaltechnik umstellten. Bartos und Flur
verliessen die Gruppe. Schneider und Hütter veröffentlichten 1991 das
Album "The Mix", für das sie alte Stücke noch einmal
überarbeiteten. Diese Best-of-Zusammenstellung, der sich die bis heute
letzte Tour anschloss (Anmerkung: 2004 gab es wieder eine
Welt-Tour), rief jedoch zwiespältige Reaktionen hervor. Emil Schulte,
langjähriger Vertrauter und Gestalter zahlreicher Covers, meinte:
"Hätte Leonardo da Vinci die 'Mona Lisa' zurückgenommen, um sie
noch einmal zu übermalen?" (aus: Pascal Bussy, "Kraftwerk -
Man, Machine and Music").
Synth-Pop
"Complicating, circulating - new
life. Operating, generating - new life." (Depeche Mode, "New
Life", 1981)
Gleichzeitig mit Kraftwerk und von
diesen beeinflusst, brachten andere Künstler den Synthesizer in die
populäre Musik ein. Brian Eno, zuvor bei Roxy Musik, gründete 1975 das
Experimental-Label Obscure Records. Bei seinen Produktionen machte er
sich die elektronischen Errungenschaften zunutze und kreierte Ambient
Music - "Landschaften zum Zuhören". 1976 erschien das Album
"Oxygène" des Franzosen Jean-Michel Jarre. Im selbstgebauten
Heimstudio vermengte er klassische Harmonien mit elektronischen Sounds.
Das bombastisch wirkende Resultat sprach eine breite Masse an: "Oxygène"
verkaufte sich acht Millionen Mal. Zur selben Zeit begann in München
die Zusammenarbeit zwischen Donna Summer und dem ehemaligen
Schlagerproduzenten Giorgio Moroder, der ganz auf Elektronik setzte.
"I Feel Love" (1977, Donna Summer), "The Chase" (vom
1978er Soundtrack "Midnight Express") und "E=MC2" (Moroder
solo) prägten zeitgleich mit Kraftwerk einen unverkennbaren
elektronischen Sound. Der Exil-Grieche Vangelis arbeitete ab 1974, nach
seiner Zeit bei der Band Aphrodite's Child (mit Demis Roussos), solo in
seinem Soundlabor an elektronischen, oft kitschigen Klangbildern und
erlangte Weltruhm durch seine Filmmusik ("Chariots Of Fire",
"Blade Runner").
Das Ende der siebziger Jahre prägte jedoch Punk. Zum letztenmal für
lange Zeit lärmten wütend die Gitarren. "No future" hiess
die Parole einer Generation. Das Wettrüsten der Supermächte, die
Rückkehr konservativer Werte und die wirtschaftliche Modernisierung und
Deregulierung kennzeichneten die Zeit. Die letzten verbliebenen Utopien
der Sixties wurden niedergewalzt. Nach einer kurzen Rebellion Anfang der
achtziger Jahre wurden Glück und Verheissung im Konsum gefunden. Die
Technologie hatte in kürzester Zeit den Sprung von Adam & Eva zu
Edison & Bell, vom ENIAC zum Apple 2 vollzogen. Star Wars im All und
auf dem Bildschirm: Elektronik wurde Everybody's darling - auch in der
Popmusik. "Alle wollen Computer haben, keiner weiss genau,
wieso", sangen Der Plan in "Tanz den Gummitwist". Diverse
Bands (heute unter New Wave, New Romantics, Synth- oder Elektro-Pop
katalogisiert) ironisierten mit Make-up, Androgynität und Chip-Musik
den Zeitgeist - und gingen doch Hand in Hand mit ihm. Denn mit den
Börsenkursen, Bodenpreisen und Satelliten kletterten auch die
Verkaufszahlen elektronischer Musik in neue Dimensionen.
Das Epizentrum des Pop-Bebens lag im vom Thatcherismus gebeutelten
England. Wohl gerade deshalb boomte hier Musik, die ihren Anreiz aus dem
Zwiespalt von Kitsch/Romantik und Nihilismus/Endzeitvision schöpfte.
Ultravox mit Midge Ure, der ebenfalls Mitglied von Visage ("Fade To
Gray", 1980) war, produzierte das pompöse "Vienna"
(1980). Human League fragten sich 1981 - nach dem nonchalanten "Being
Boiled" (1978) - "Don't You Want Me?" und landeten damit
einen weltweiten Hit. Charles und Diana gaben sich das Jawort, und Soft
Cell mit Sänger Marc Almond zelebrierten die Vergänglichkeit der
"Tainted Love" auf Breitleinwand genauso wie OMD ("Enola
Gay", "Joan Of Arc"). Die Illusion fand am TV statt:
"Are Friends Electric?" (Gary Numan, 1979).
Auch ehemalige Punkhelden wie Pete Shelley von den Buzzcocks
verlustierten sich an den Maschinen ("XL-I"). New Order,
auferstanden aus den Ruinen von Joy Division, mixten "anarchy and
tackiness, machines and glitter, drugs and daydream, war an peace",
Vergangenheit und Zukunft. Und hatten Erfolg. "Blue Monday"
ist bis heute eine der weltweit meistverkauften Maxi-Singles.
Eine Keimzelle elektronischer Musik ist Mute Records, das erfolgreichste
Indie-Label der achtziger Jahre und die Heimat von Depeche Mode, Fad
Gadget alias Frank Tovey, Nitzer Ebb und Laibach. Heute erscheinen
Techno-Produzenten wie Plastikman und Moby auf dem Dance-Sublabel
NovaMute. Mute wurde von Daniel Miller gegründet, der 1978 als The
Normal "Warm Leatherette" veröffentlichte, das zum Kultstück
und später in der Version von Grace Jones gar zum Hit wurde. Als einer
der ersten in England arbeitete er mit dem Synclavier und spielte als
Silicon Teens Rock-'n'-Roll-Klassiker auf dem Synthesizer nach. Im
englischen Basildon hörten vier Jungs dieses "Music For Parties"
am Radio, dachten sich, "das können wir auch", und klopften
bei Mute an. Die Jungs nannten sich Depeche Mode. Hits wie "I Just
Can't Get Enough" (1981), "See You" (1982), "People
Are People" (1984) und "Personal Jesus" (1989) machten
sie zur populärsten Synthesizer-Band der Welt. Mit Depeche Mode
eroberte Synth-Pop die Stadien und wurde zur "music for the masses".
Vince Clarke, heute bei Erasure aktiv, verliess die Band 1981 nach dem
ersten Album und gründete mit der Sängerin Alison Moyet Yazoo. Zwei
Jahre und zwei Alben ("Upstairs At Eric", "You And Me
Both") später war auch dieses Projekt wieder Geschichte. Doch die
Welt war um zwei der schönsten Synth-Songs reicher: "Only You"
und "Don't Go".
In den USA arbeiteten Bands wie Devo oder The Residents bereits in den
siebziger Jahren mit Elektronik. Die Multimedia-Künstlerin Laurie
Anderson setzte sich in ihren Performances und Kompositionen ironisch
mit dem Fortschritt auseinander und landete mit "O Superman"
(1981) einen Hit. Weitere Synth-Acts waren Art Of Noise, benannt nach
Russolos Manifest, oder das japanische Yellow Magic Orchestra, dessen
Keyboarder Ryuichi Sakamato später als Solo-Musiker und
Filmmusik-Komponist (Oscar für "The Last Emperor")
erfolgreich war.
Eine der wichtigsten Elektronik-Bands der achtziger Jahre stammt aus der
Schweiz. Die Soundtüftler Boris Blank und Carlos Peron, der die Gruppe
1982 verliess, sowie der Künstler und Lebemann Dieter Meier bildeten
Yello, deren erstes Album "Solid Pleasure" (1980) auf dem
Ralph-Label der Residents erschien und den Hit "Bostich"
enthielt. Ein Jahr später folgte "Claro Que Si". Yello lebt
vom charismatischen Sprechgesang Meiers und vom musikalischen
Einfallsreichtum Blanks, der wie kein zweiter mit dem Studio umzugehen
vermag, dort tagelang nach neuen Schnipseln sucht und Weltmusik
jeglicher Couleur mit Naturgeräuschen und elektronischen Sounds mischt.
Yello-Stücke erfreuen sich bei TV-Sendern ungebrochener Beliebtheit als
Hintergrundmusik: "The Race" (1988) etwa gehört zum festen
Inventar jeder Sportsendung. Die Bedeutung, die Yello für Techno haben,
zeigt auch das "Hands On Yello"-Projekt, das 1995 namhafte
Techno-Produzenten wie Carl Craig oder Westbam vereinigte, alte
Yello-Tracks neu bearbeiteten.
In Deutschland boomte ab 1980 die Musikszene, die Neue Deutsche Welle
überflutete das Land. Kennzeichen der NDW waren eine Vorliebe für
nette, triviale Melodien und minimale Songstrukturen, weshalb
elektronische Geräte wie Synthesizer oder Drumcomputer weit verbreitet
waren, sowie ein lustvoller, witziger, oft anarchischer Umgang mit der
deutschen Sprache, die vom Schlagermief befreit wurde. Dilettantismus
und Do-it-yourself wurden zum Gütesiegel. Spass musste sein! Im
Sammelsurium NDW fanden sich unzählige Bands und Projekte
unterschiedlichster Herkunft. Einige waren erfolgreiche, einige
brillant, wenige beides. Viele verschwanden so schnell wieder, wie sie
gekommen waren. (Wer kennt heute noch Geisterfahrer oder Dr. Koch
Ventilator?) Nena und Trio trugen sich in die internationalen
Charts-Bücher ein. Doch die Platten, die auch heute nichts von ihrem
Reiz eingebüsst haben, stammen von Palais Schaumberg, vom Ata Tak-Label,
z.B. von den genialen Der Plan ("Geri Reig", "Normalette
Surprise") und dem Pyrolator, oder von der Deutsch Amerikanischen
Freundschaft DAF mit Gabriel "Gabi" Delgado und Robert Görl.
DAF posierten in knallengem Leder, skandierten auf "Alles ist
gut" (1981) "Tanz den Mussolini" und setzten voll auf
Elektronik. "Wir schwitzen mehr. Kraftwerk war steril, wir machten
mehr body-music, mit body-movement." (Frontpage 10/93)
Industrial/EBM
"Industrial music for industrial
people" (Monte Cazzaza)
Kurz nach der Punk-Explosion entstand in England Industrial, eine Musik,
die Industrielärm und Umweltgeräusche mit elektronischen Hilfsmitteln
verarbeitete. Tanzbarkeit war damals noch nicht so wichtig, es ging eher
um die Zerstörung gängiger Rhythmus- und Melodieschemata. Von 1978 an
machten vor allem Throbbing Gristle und Cabaret Voltaire (deren Name von
einer 1916 in Zürich gegründeten dadaistischen Gruppe stammt) von sich
reden, wobei letztere heute völlig im Techno-Kontext integriert sind.
Throbbing Gristle veröffentlichten 1979 auf ihrem eigenen Label
Industrial Records stilbildende Alben wie "D.o.A. - The Third &
Final Report" und "20 Jazz Funk Greats". Die Londoner
Band - Genesis P. Orridge (später Psychic TV), Peter Chritopherson
(später Coil), Chris Carter und Cosey (später Chris & Cosey, die
bereits Anfang der achtziger Jahre auf ihren Soloalben acidähnliche
Tracks fabrizierten) - beeinflusste eine Vielzahl von Industrial-Bands
wie SPK und Severed Heads aus Australien, Skinny Puppy aus Kanada, Test
Department aus England und Ministry aus den USA. Die Radikalsten waren
die Einstürzenden Neubauten aus Berlin, die Trümmer und Abfälle der
Industriegesellschaft zur Schaffung ihrer apokalyptischen Klanggebilde
benutzten, sich jedoch später immer mehr aus dem Industrial-Komplex
lösten und mit Alben wie "Strategien gegen Architekturen"
(1983) einen völlig eigenständigen Stil entwickelten. Cabaret Voltaire
- Chris Watson, Stephen Mallinder und Richard H. Kirk - experimentierten
1973 erstmals mit einem VCS-3-Synthesizer und einer Revox-Bandmaschine -
Geräten, zu denen sie als Absolventen der Sheffield University Zugang
hatten. 1978 erschien ihre erste EP "Extended Play". Alben wie
"Mix-Up" (1979), "The Voice Of America" (1980) und
"The Crackdown" (1983) folgten. Mit den Jahren wurden Cabaret
Voltaire immer tanzbarer, sie begannen sich stärker für schwarze
Tanzmusik zu interessieren. 1985 zollten sie "the one and only"
J.B. in der Single "James Brown" Tribut, und 1990 arbeiteten
sie gar mit House-Producer Marshall Jefferson für das Album "Groovy,
Laidback & Nasty" zusammen. Im gleichen Jahr veröffentlichte
Richard H. Kirk mit DJ Parrot als Duo Sweet Exorcist die Sinlge
"Test One", welche zu den ersten Veröffentlichungen auf dem
Sheffielder Techno-Label Warp gehörte.
In Belgien entwickelte sich der Industrial zur Electronic Body Music
weiter, kurz EBM. Vor allem Front 242 aus Brüssel werden mit diesem
Stil gleichgesetzt. Daniel Bressanuti, Patrick Codenys, Jean-Luc de
Meyer und Richard 23 veröffentlichten 1981 ihre erste Single "Body
To Body". Mit dem Hit "Funkahdafi" von der 85er EP "Politics
Of Pressure" schuf die paramilitärisch auftretende Band einen
EBM-Klassiker, Alben wie "No Comment" (1985) und "Official
Version" (1987) folgten. Die stilistisch ähnlichen Nitzer Ebb aus
England liessen mit Hits wie "Join In The Chant" (1987) von
sich hören.
Viele der heutigen Techno-Produzenten waren zuerst von EBM beeinflusst,
ehe sie auf House und Techno stiessen. Sven Väth etwa legte Mitte der
achtziger Jahre EBM und Industrial im "Techno-Club" auf, dem
von Frankfurts EBM-Papst Talla 2XLC seit 1984 betreuten Club innerhalb
der Flughafen-Disco "Dorian Gray". Das Magazin
"Frontpage" wurde 1989 ursprünglich als Hauszeitung des
"Techno-Club" gegründet und widmete sich thematisch voll und
ganz dem EBM und Industrial, ehe die Zeitschrift nach und nach auf
Techno umschwenkte.
Vor allem in den USA vollzog Industrial den Schritt vom Untergrund in
die Charts der neunziger Jahre. Wegbereiter war das Chicagoer Label Wax
Trax!, das US-amerikanischen Formationen wie Ministry, Revolting Cocks
und My Life With The Thrill Kill Kult sowie europäischen Acts wie Front
242, A Split Second, Clock DVA und Meat Beat Manifesto eine erste
Plattform im Mutterland des Rock'n'Roll bot. Heute erreichen Ministry
und Nine Inch Nails Topten-Platzierungen und können für ihre Auftritte
grosse Stadien buchen.
Electro
"Oooh oooh Techno city. Hope you
enjoy your stay. Welcome to Techno city, you will never want to go away."
(Cybotron, "Techno City", 1984)
Bevor Juan Atkins mit Model 500 Detroit-Geschichte schreiben sollte,
bildete er mit Richard Davis alias 3070 die Electro-Gruppe Cybotron.
"Alleys Of Your Mind" war ihre erste Single, mit "Techno
City" waren sie 1984 auf dem vierten Sampler der "Electro"-Serie
der englischen Plattenfirma Streetwave vertreten. Nach dem Album "Enter"
trennten sich die Wege von 3070 und Atkins. Welchen Einfluss Electro auf
die Technoszene ausübte, zeigt sich in Interviews mit Künstlern wie
Orbital oder Luke Slater, die bei jeder Gelegenheit das Banner für
Electro hochhalten. Frankie Bones schrieb im Sommer 1993 im Brooklyner
Techno-Fanzine "Under One Sky" über seinen ersten Besuch
exakt zehn Jahre zuvor im New Yorker Club "Funhouse", wo John
"Jellybean" Benitez Track wie "Hip Hop Be Bop" (Man
Parrish, 1982) und "One More Shot" (C-Bank, 1982) spielte.
Charakteristisch für Electro-Tracks waren nebst dem programmierten
808-HipHop-Beat unter anderem Vocoder-Stimmen (Worte, die durch den
Computer in eine andere Stimmlage transferiert werden), Rap, Scratches
und Analogsynthesizerklänge. Als Electro-Klassiker schlechthin gilt
noch immer "Planet Rock" (1982) von Africa Bambaataa &
Soul Sonic Force. Die auf dem Label Tommy Boy erschienene Maxi benutzte
die Melodie von "Trans Europa Express" und den Rhythmus von
"Numbers", beides Kraftwerk-Stücke. Im New Yorker
"Roxy" pflegte DJ Afrika Bambaataa das über 13minütige
"Trans Europa Express" in voller Länge zu spielen. Bei den
schwarzen B-Boys und HipHop-Kids erfreute sich der Track mit der
bedrohlichen Atmosphäre, der sich im Aufbau langsam verändert und
trotzdem auf einem sturen Beat fusst, grosser Beliebtheit. Afrika
Bambaataa in David Toops "Rap Attack": "Ich glaube nicht,
dass Kraftwerk wussten, wie wichtig sie für die Schwarzen 1977 waren,
als 'Trans Europa Express' rauskam. Ich dachte sofort, das ist eine der
irrsinnigsten Platten, die ich je gehört habe. Als sie dann hier waren,
um eine Show im 'Ritz' zu geben, haben sie vielleicht begriffen, wie
gross sie hier sind." Produziert haben "Planet Rock" - es
ist einer der ersten Tracks, bei dem die Rhythmusmaschine Roland 808
verwendet wurde - Arthur Baker und der Keyboarder John Robie. Baker
betrieb das Label Streewise (Frankie Bones: "das R&S-Label von
damals"), auf dem Electro-Klassiker wie "Walking On Sunshine"
(Rocker's Revenge, 1982) herauskamen.
Baker und Robie lösten eine ganze Lawine von Electro-Produktionen aus.
Konventionelle Rap-Gruppen wie Grandmaster Flash & The Furious Five
stiegen mit "Message 2 (Survival)" und "Scorpio"
vorübergehend auf Electro um. George Clinton spielte mit "Computer
Games" ein von Electro beeinflusstes Album ein. Die Electro-Hits
der Jahre 1982/83 waren "Pack Jam" (The Jonzun Crew,
produziert vom späteren Macher der New Kids On The Block, Maurice
Starr), "Al Naayfish (The Soul)" (Hashim), "Jam On It"
(Newcleus) und "Nunk" (Warp 9). An der amerikanischen
Westküste machten Knights Of The Turntable, Egyptian Lover und Unknown
DJ ("808 Beats") von sich reden. Electro-Platten, welche die
Geräusche der damals aufkommenden Computergames à la "Pac
Man" verarbeiteten, waren die Begleitmusik für HipHop-Tanzstile
wie Electric Boogie, bei dem zuckende Roboter simuliert wurden. Electro
blieb allerdings eine kurze Phase innerhalb der HipHop-Bewegung, die
Mitte der achtziger Jahre mit Run DMC zum erstenmal in
Multi-Platin-Gefilde aufstieg und heute eines der wichtigsten Standbeine
des amerikanischen Musikbusiness darstellt.
Chicago House
"In the beginning there was
jack. And jack had a groove." (Fingers Inc., "Can You Feel
It"-Remix, 1986)
1980 wurde Disco in den USA allgemein
für tot erklärt, doch im schwarzen Gay-Underground von New York und
Chicago lebte er weiter. In der legendären "Paradise Garage"
in New York mixte der inzwischen verstorbene DJ Larry Levan Anfang der
achtziger Jahre in stundenlangen Sessions Underground-Klassiker wie
"Don't Make Me Wait" seiner eigenen Band NYC Peech Boys,
"Keep On" (D-Train), "Moody" (ESG), "Thanks To
You" (Sinnamon, in einem wilden, fünfzehnminütigen Mix von Shep
Bettibone) und "Music's Got Me" (Visual, gemixt von Tony
Humphries). Es war die Zeit, als die zwanzigköpfigen Disco-Orchester,
wie das mit Streichern und Bläsern ausgestattete Salsoul-Orchestra,
langsam durch Synthesizer ersetzt wurden. Die Labels der Stunde hiessen
Prelude und Westend. Zur gleichen Zeit legte der New Yorker DJ Frankie
Nuckles in Chicago in der Lagerhalle "Warehouse" auf - von
Samstagmitternacht bis Sonntagnachmittag. "In der Club-Wüste
Chicago war das 1977 eröffnete 'Warehouse' der einzige 'place to go'",
erinnert sich Frankie Nuckles. "Dieser Gay-Club war nicht
herausgeputzt, die Lightshow war äusserst simpel, das Soundsystem
dafür umso intensiver." In den Plattenläden sprachen die Leute
bald von "that sound they play down the house". House music
was born. Knuckles spielte Disco-Klassiker und Euro-Importe: Philly-Soul
(die Hits des Produzenten-Tandems Gamble & Huff auf dem Label
Philadelphia) und Salsoul-Sound ("Dr. Love" von First Choice
oder "Hit & Run" von Loletta Holloway) einerseits und
Munich-Disco aus der Hitküche von Giorgio Moroder (Donna Summer)
andererseits.
Anfang der achtziger Jahre, als die elektronischen Instrumente sich
immer stärker in der Dance Music durchzusetzen begannen, bildete sich
in der Gay-Szene San Franciscos der Hi-NRG-Sound, der stark vom 1982
verstorbenen Patrick Cowley geprägt wurde, dem Produzenten von
Sylvester. In Italien entstanden simple elektronische Disco-Tracks mit
eingängigen Melodien: Italo-Disco, der Vorläufer des heutigen Eurobeat
(DJ BoBo, Dr. Alban). Vor allem Klein & MBOs "Dirty Talk"
(coproduziert von DJ Tony Carrasco) hatten einen nachhaltigen Einfluss
auf den Chicago House. In New York produzierte Bobby "O"
Orlando elektronische, leicht trashige Disco-Hits wie "Native
Love" (Divine), "Desire" (Roni Griffith) und
"Passion" (The Flirts). Die jungen Pet Shop Boys reisten nach
New York, um ihr "West End Girls" von ihm produzieren zu
lassen. Europäische Synth-Pop-Gruppen wie Depeche Mode, Soft Cell, Gary
Numan und Yello hinterliessen ihre Spuren bei der Black Community in New
York.
Um das Jahr 1984 herum, als das elektronische Instrumentarium für
breite Kreise erschwinglich wurde, begannen mittellose schwarze Kids in
Chicago ihre eigenen Tracks zu basteln. Am Anfang waren das meist
instrumentale, minimalistische Rhythm-Tracks, sogenannte "Jack
Tracks". Chip E gehörte 1985 mit der Maxi "Jacktracks"
zu den House-Produzenten der ersten Stunde. Mit der Nachfolge Maxi
"Like This" kupferte er bei ESGs "Moody" ab, mit
"Godfather Of House" bei Ms "Pop Muzik". Die
Klassiker von 1985/86 hiessen: "Jack Your Body" (Steve "Silk"
Hurley, das ein knappes Jahr nach seiner Erstveröffentlichung ein
Nr.-1-Hit in den englischen Pop-Charts wurde), "Move Your
Body" (Marshall Jefferson), "Love Can't Turn Around"
(Farley "Jackmaster" Funk, gesungen vom stimmgewaltigen Darryl
Pandy), "No Way Back" (Adonis), "Music Is The Key"
(JM Silk) und "Can You Feel It" (Mr. Fingers alias Larry Heard).
Ron Hardy von der Disco "Music Box" war der bekannteste DJ.
Rocky Jones' DJ International und Trax Records von Larry Sherman waren
die wichtigsten Labels. Ab 1987 bildete auch New York seine eigene
House-Szene. 2 Puerto Ricans, A Blackman & A Dominicans "Do It
Properly" (mit Clivilles & Cole und David Morales) feuerte den
Startschuss ab. Zur selben Zeit begann die Karriere von Todd Terry, der
mit verschiedenen Projekten wie Orange Lemon, Swan Lake oder Royal House
zu einem der wichtigsten House-Produzenten wurde.
Detroit Techno
"They say there is no hope. They
say no UFOs." (Model 500, "No UFOs", 1985)
Während in Chicago Disco das
Fundament der House Music bildete, orientierten sich die zeitlich
parallel arbeitenden Produzenten in Detroit am Detroiter Funk von
Parliament/Funkadelic und an weisser Elektronik à la Kraftwerk. Das
Dreieck Juan Atkins (Metroplex Records), Kevin Saunderson (KMS Records)
und Derrick May (Transmat Records) kreierte "music that goes beyond
the beat": futuristische, irrwitzige, mitunter arhythmische
Elektronik mit dem Anspruch, ständig musikalisches Neuland zu
erforschen. Wie Chicago House wurde auch der von Schwarzen aus armen
Verhältnissen hergestellte Detroit Techno erst möglich, als die Preise
der Synthesizer und Drum Machines fielen. Ein Pionier war Juan Atkins,
bis heute ein unermüdlicher Innovator elektronischer Musik. Er nahm
nach seiner Electro-Zeit unter dem Namen Model 500 im April 1985 mit
"No UFOs" die wohl erste Techno-Platte auf. Eine wichtige
Rolle in Detroit spielte Radio-DJ Electrifying Mojo, der eine
fünfstündige Nachtsendung auf WHYT moderierte, die an keinen
bestimmten Stil gebunden war, was in der streng aufgeteilten
amerikanischen Radio-Landschaft eine Seltenheit ist. Mojo, verewigt im
Stück "If Mojo Was AM" von Carl Craigs Projekt 69, spielte
europäische Importe, die man sonst nirgends hören konnte. Auf diesem
Sender hörte Atkins erstmals Kraftwerk: ein musikalisches
Schlüsselereignis. Von Derrick May, dem Mann hinter Rhythim Is Rhythim,
R-Tyme und Mayday, stammt das Zitat: "Techno is just like Detroit,
a complete mistake. It's just like George Clinton and Kraftwerk stuck in
an elevator." Atkins schwärmt noch heute von Parliament- und
Funkadelic-Platten wie "Maggot Brain" und "America Eats
Its Young".
Derrick May, Schöpfer von Klassikern wie "It Is What It Is",
"Strings Of Life" (mit Carl Craig) und "Nude Photo",
erinnert sich: "In Chicago entstand House aus einer in Philadelphia
begründeten International- und Disco-Tradition, Detroit hingegen hatte
sich nach dem Ende der Motown-Ära nicht sonderlich um Disco gekümmert.
Hier interessierten sich die Leute mehr für europäische Sounds und
Funk." Blake Baxter etwa deejayte anfänglich in DOR (Dance-Orientated
Rock) Clubs, wo Depeche Mode, Nitzer Ebb, Bauhaus und New Order gespielt
wurden.
Kevin "Reese" Saunderson, Juan Atkins und Derrick May, die
alle die Belleville High School besuchten, gründeten bald ihre eigenen
Labels. Doch einzig Saunderson gelang 1988 mit den Hits "Big Fun"
und "Good Life" des Duos Inner City der kommerzielle
Durchbruch.
Acid House
"Acid takes control, so slam
your body to the beat, we will own your body and soul" (Phuture,
"We Are Phuture", 1988)
Irgendwann entdeckten einige
Produzenten in Chicago die Magie einer kleinen, silbernen
Rhythmusmaschine, der Roland TB303. Acid war geboren, fiepend und
zirpend. Ob nun Phutures "Acid Trax" oder Sleazy Ds "I've
Lost Control" (produziert von Adonis und Marshall Jefferson) das
erste Acid-Stück war, wird wohl nie schlüssig bewiesen werden. Ab 1987
begann Acid mit Bam Bams "Give It To Me" auch in England Fuss
zu fassen. Gleichzeitig entdeckte die britische Insel durch
Compilation-Series wie "Jack Trax" im grossen Stil den
US-House. "Pump Up The Volume" von M/A/R/R/S war der erste
House-Track, der die Spitzenposition der UK-Charts erreichte.
House-Clubs wurden eröffnet, und alles kulminierte schliesslich 1988 im
Acid-House-Fieber. Acid House wurde zum Medien-Hype und zur grössten
Jugendkultur Englands seit Punk. "Release Your Body" (Bang The
Party), "Oochy Koochy" (Baby Ford) und "Vodoo Ray"
(A Guy Called Gerald) waren die ersten englischen House-Hits. In leeren
Lagerhallen wurden illegale Warehouse-Parties durchgeführt, und die
Smileys, das Erkennungszeichen, waren bald überall. Im Herbst 1988
schwappte die Welle auf den europäischen Kontinent über. Tanz sollte
nie mehr das sein, was es einmal war. Bald stürmten die ersten
(kommerzielleren) Tracks die Charts: "The Only Way Is Up" (Yazz,
produziert von Coldcut), "Burn It Up" (Beatmasters),
"Beat Dis" (Bomb The Bass), "Theme From S-Express"
(S-Express), "House Arrest" (Krush) und "Jack To The
Sound Of The Underground" (Hithouse). Viele der heute bekannten
Produzenten starteten damals ihre Karriere. In Deutschland waren es etwa
Andi Düx (Dux Dux), Jens Lissat (The Beat Pirate) oder Ramon Zenker
(Mr. Matey), in Italien Capella. Die wahren Acid-House-Hits waren:
"We Call It Acieeed" (D-Mob), "Acid Thunder" (Fast
Eddie), "Acid Man" (Jolly Rogers) oder "Acid Over" (Tyree
Cooper, der später für den kurzen Hip-House-Trend mitverantwortlich
war). Die grossen Plattenfirmen witterten das Geld und warfen jede Menge
Compilations auf den Markt, welche die unterschiedlichsten Spielarten
von House unter dem verkaufsfördernden Titel Acid House vereinten: von
der Hymne "Can You Party?" (Royal House, produziert von Todd
Terry) über "The Party" (Kraze), "Big Fun" (Inner
City) bis zu "Bass (How Low Can You Go?)" (Simon Harris). Doch
bald schon, im Sommer 1989, ebbte die Welle ab. Acid House verschwand
ebenso schnell aus den Medien, wie er aufgetaucht war - und mit ihm die
Smiley-T-Shirts von den Parties.
Vor allem in Manchester entstand um den von New Order mitgegründeten
Club "Hacienda" eine Szene von Bands, die Rock mit
House-Elementen vermischten. Happy Mondays, Stone Roses oder Primal
Scream liessen ihre Stücke von Remixern wie Andrew Weatherall, Paul
Oakenfold oder Terry Farley bearbeiten. Im ganzen Land fanden grosse
Open-air-Parties, sogenannte Raves (to rave: toben), statt, an denen von
Ambient bis Gitarrenklängen alles Platz hatte. Die Musik von Happy
Mondays und der anderen Bands wurde ebenfalls "Rave" oder als
"Indie Dance" bezeichnet, war aber bloss ein kurzes Phänomen,
das vor allem England bewegte und nach 1991, obwohl diverse Bands nach
wie vor aktiv sind, von der Bildfläche verschwand. Rave hingegen hat
sich als fester Begriff eingebürgert und gehört heute zum
alltäglichen Sprachgebrauch der Technoszene.
New Beat
"It's cool, it's hot, it's
everything I'm not" (Dirty Harry, "D'Bop", 1988)
New Beat war 1988/89 eine
vorübergehende Mode, die von den Medien als Nachfolge-Hype des
Acid-House-Booms vermarktet wurde, sich aber langfristig nicht als Stil
durchsetzen konnte. New Beat steht für New Wave Disco Beat. Im
September 1986 spielte DJ Marc Grouls im Antwerpener
"Prestige" 45er-Maxis wie "Flesh" vom Genter EBM-Duo
A Split Second auf 33 Touren und +8% Pitch. Dabei entstand ein dumpfer,
wuchtiger und schleppender Beat - der Funke zündete sofort auf der
Tanzfläche. Bald wurden auch elektronische Tracks wie "Looking
From A Hilltop" von Section 25 und "Brilliant" von
Boytronic auf die gleich Art und Weise verlangsamt und verfremdet. Ab
Ende 1987, Anfang 1988 nahm der im Schnitt 108 Bpm (gut 20 Bpm weniger
als Acid) langsame New Beat Belgien im Sturm. Der 2500 Personen fassende
"Boccaccio"-Club in Gent avancierte zum New-Beat-Mekka mit
Gästen aus ganz Belgien, Holland, Frankreich und Deutschland.
Bedeutung erlangte New Beat vor allem deshalb, weil später belgische
New-Beat-Produzenten fliessend zu Techno wechselten: Olivier Abbeloos
(seine T99 waren schon zu New-Beat-Zeiten mit Hits wie "Slidy"
bekannt), Cisco Ferreira (auf dem "New Beat Take 2"-Sampler
als Ghentlon vertreten) und Outlander-Produzent Marcos Salon (damals DJ
im Antwerpener "Prestige"-Club und Producer von "Virgin
IN-D Sky"). Ferrari, das Vorläufer-Label von R&S, setzte auf
die Karte New Beat. Fliessbandproduzenten wie das Trio Morton Sherman
Bellucci (Erotic Dissidents), eine Art Stock Aitken Waterman auf Acid,
Chris Inger, Khan und Van Oekel (Major Problem) sowie Patrick de Meyer (Tragic
Error) warfen eine Maxi-Single nach der anderen auf den Markt. Die Hits
fasste das Label Antler Subway auf der Compilation-Serie "New
Beat" zusammen. Die Compilations verkauften sich in Belgien jeweils
über 40000mal, "New Beat Take I" erreichte die Spitze der
nationalen Pop-Charts. Titel wie "The Sound Of C" (Confettis)
und "Ibiza" (Amnesia), an Banalität kaum zu überbieten,
eroberten die vordersten Plätze der Charts und konnten sich auch in
Deutschland platzieren. In England unternahm das Major-Label London
Records den Versuch, New Beat in die Charts zu boxen, scheiterte jedoch.
Die New-Beat-Tracks, die bis heute nichts von ihrem Reiz verloren haben,
lassen sich an einer Hand abzählen. Zu ihnen zählen
Acid-New-Beat-Tracks wie die Reese & Santonio-Coverversion
"Rock To The Beat" (101), "Acid In The House" (Nicky
Trax), "Acid Queen" (Major Problem) und "I Sit On Acid"
(Lords Of Acid).
Techno - die Anfänge
"Boing Boom Tschak"
(Kraftwerk, "Electric Café", 1986)
"Was ich von der Analyse der
Neuen Musik des 20. Jahrhunderts gelernt habe und was ich dann auf
Techno angewandt habe, ist die Erkenntnis, dass Struktur, Klang und
Konsistenz die Schlüsselelemente elektronischer Musik sind. Es geht
nicht um die Melodie. Ich denke, im Techno gibt es ganz bestimmte
Klänge und Konsistenzen, die auf alle Leute in gleicher Weise wirken.
Das ist ein psychoakustischer Effekt. Und trotzdem ist es wahrscheinlich
eine sehr kulturspezifische Sache, denn die Leute im Westen haben ja
hauptsächlich den Zugang zur Technologie." (Cristian Vogel, Spex
1/95)
Die neunziger Jahre brachten Techno den endgültigen Durchbruch. Die
Welt hatte sich grundlegend verändert, Politik war nicht mehr, was sie
einmal war, am Golf übte der Westen den digitalen Krieg, während zu
Hause die Kids ihre Zeit mit Video, Home-PC und Gameboy totschlugen. In
diesen Bruch, in diese Orientierungslosigkeit - von Cyberspace und
Datenhighways, globaler Kommunikation und Hyperspeed - krachte Techno
und wurde zum neuen Massenphänomen, zur "one nation under one
groove" neben all den von Nationalismus entfesselten Staaten.
Techno machte sich die neuen Technologien zunutze, die bereits das Leben
jedes einzelnen bestimmten, und probte im Kleinen, was - wenn die
Visionen von Huxley und Gibson zutreffen - bald schon im Grossen
passieren wird. Vor allem aber wandte Techno die Technologien gegen den
Strich an, gegen die Gebrauchsanleitungen, um etwas anderes, Eigenes,
Neues zu schaffen.
Jahrelang war Techno Synonym für elektronisch erzeugte Musik wie EBM
oder gewisse Arten des New Wave. Ab 1990 bezeichnete Techno jedoch jene
Art elektronischer Tanzmusik, die aus dem House heraus entstanden war.
Auch wenn Chicagos Acid House und Detroit Techno um 1987/88 viele
Elemente des heutigen Techno enthielten, gilt 1990 als Geburtsjahr des
Techno, wie man ihn heute kennt. Ursprünglich noch Techno House
genannt, bürgerte sich bald das Wort Techno ein und setzte sich so
deutlich durch, dass der ursprüngliche Techno bald den Anspruch auf
seinen Namen aufgeben musste. Bis heute hat niemand eine treffendere
Bezeichnung für diese technologisch erzeugte Musik gefunden. Techno ist
alles andere als eine Reissbrett-Erfindung in den Chefetagen der
Musikindustrie, sondern war da, ehe man sich's versah - zeitgleich in
den USA, England und auf dem Kontinent. In den USA kann man das New
Yorker Label Nu Groove mit seinen Inhouse-Producers wie Joey Beltram,
Ralphie Dee, Lenny Dee (heute auf Gabber fixiert) und Victor Simonelli
(heute auf House umgestiegen) zu den Pionieren zählen. Zeitgleich
kreierten Musto & Bones, bestehend aus dem später auf House
umgesattelten Tommy Musto und aus dem bald mit der EP-Serie "Bonesbreaks"
brillierenden Frankie Bones, eine Vielzahl innovativer Techno-Platten.
In Detroit lancierten Underground Resistance (Jeff Mills und Mike Banks)
und die von Kanada aus operierenden +8 Records (Richie Hawtin und John
Acquaviva) ein Detroit-Techno-Comeback.
Joey Beltram, der für einige New Yorker Indie-Labels arbeitete, produzierte bald in Belgien so epochale Tracks wie "Energy
Flash" und "Mentasm" für das Label R&S. Mit CJ
Bolland, David Morley, Per Martinsen und Marcos Salon gehörte R&S
ganz zu Beginn des Jahrzehnts zu den ersten Techno-Labels des
Kontinents. Ebenfalls in Belgien setzte ab 1990 Frank de Wulf Akzente
mit seiner EP-Serie "B-Sides 1-3", mit den Tracks "The
Tape" und "Magic Orchestra", die bis heute nichts von
ihrer Ausdruckskraft verloren haben. Frank de Wulf fertigte die Tracks
ursprünglich als B-Seiten für Megamixes des Music Man-Labels an, doch
der Erfolg war so überwältigend, dass diese "B-Sides" als
eigenständige EPs veröffentlicht wurden.
In England machte Warp Records aus Sheffield als erstes Techno-Label von
sich reden - und ist wie R&S noch heute an der Spitze, was
Innovation betrifft. Mitte 1990 erschien "Test One" von Sweet
Exorcist, und bereits Ende Jahr konnte das Indie-Label Top-20-Hits
landen mit den gleichnamigen Debütsingles von LFO und Tricky Disco, die
von schrillen "Bleeps" und dumpfen "Clonks" lebten.
Kickin' machte 1990 mit dem 17jährigen Producer The Scientist und dem
Hit "The Exorcist" (produziert vom späteren Jungle-Star DJ
Hype) sowie mit der Single "Soundclash" von Kicksquad von sich
reden. Vinyl Solution schickte im gleichen Jahr Bizarre Inc mit dem Hit
"X-Static" ins Rennen.
In Deutschland erfolgte der Durchbruch 1991. Die Zentren waren Frankfurt
und Berlin, eine Stadt im Umbruch, wo nach dem Mauerfall paradiesische
Zustände punkto abgefahrener Party-Locations herrschten. Es war die
Zeit, in der man den neuen Härtegraden nur noch mit zwei, drei, vielen
Ks gerecht werden konnte - hart-härter-Brett. Tekno, Tekkno, Tekkkno.
Nebelhörner, Leuchtstäbe und Atemschutzmasken waren nun die Insignien
einer neuen Jugendkultur. Die Medien stürzten sich auf das
"Phänomen Techno" und sprachen von einer Mode, die schnell
wieder vorübergehen würde. Doch die Szene wurde beständig grösser,
die Musik vielfältiger, Heute werden aus dem einen Teig vielerlei bunte
Brötchen gebacken. |
© Bilgerverlag
Auszug aus dem Buch "Techno" von
Philipp Anz und Patrick Walder, mit freundlicher Genehmigung durch den
Bilgerverlag.
Das Buch "Techno" ist 1995 erschienen, kurz bevor die
Kommerzialisierung des Techno abgeschlossen war.
Bestellbar ist das Buch direkt beim
Bilgerverlag.
Techno-Geschichte auf technoWIKI:
www.technowiki.de/Kategorie:Geschichte

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